| Hamburg, April 2050
Liebe Uromi,
es müssen deine Gene sein oder vielleicht auch
meine frühkindliche Prägung!
Wie auch immer, ich wünsche mir – gegen alle
Vernunft – ganz sehr einen Hund.
 Und jetzt endlich sieht es so aus,
als ob mein Wunsch Wirklichkeit werden kann!
In den letzten Jahren
habe ich nach und nach alle Voraussetzungen erfüllt:
- Den Charaktertest habe ich
bestanden. Zum Glück rauche und trinke ich nicht
und nehme auch keine anderen Drogen, deshalb wurde
ich als belastbar und zuverlässig eingestuft.
Suchtgefährdete Menschen bekommen keinen Hund,
süchtige schon gar nicht!
- Mein polizeiliches Führungszeugnis
ist einwandfrei und ich habe auch keine Punkte in
Flensburg.
- Ich konnte zwei Bürgen
stellen, die notfalls für mich und meinen Hund
haften.
- Die Prüfung nach dem
dreijährigen Hundehalter-Vorbereitungskurs habe
ich mit Auszeichnung bestanden. Stell dir vor, ich
habe einen Hundeführerschein! Jährlich muss
ich eine Nachprüfung machen.
- Eingangs- und Terrassentür
unserer Wohnung habe ich mit einer Sicherheitsschleuse
versehen, damit der Hund nicht entwischen kann.
- In unserem Auto befindet
sich eine TÜV-zugelassene, stabile, ausbruchssichere
Transportbox.
- Der medizinische Check bescheinigt
mir, dass ich die Kraft und Fitness besitze, um einen
Hund bis zum Gewicht von 10 kg sicher halten zu können,
also bis zur erlaubten Höchstgrenze.
- Mein Sparkonto mit 50 000
Euro habe ich als Sicherheit hinterlegt für den
Fall, dass ich die obligatorische Haftpflichtversicherung
und die Steuer nicht mehr bezahlen kann.
- 10 000 Euro Steuern habe
ich im voraus bezahlt.
- In unserem Haushalt leben
keine Kinder unter 10 Jahren und keine Alten über
40. Familien mit kleineren Kindern und ältere
Leute bekommen nämlich grundsätzlich keinen
Hund.
- Alle direkten Nachbarn haben
sich damit einverstanden erklärt, dass ich einen
Hund halte. Sie können das allerdings jederzeit
widerrufen.
- Ich habe mich verpflichtet,
ausschließlich Tranqui-Happi zu füttern,
weil die beigefügten Psychopharmaka Stimmungsschwankungen
des Hundes unterdrücken sollen. Außerdem
wird das Futter völlig rückstandslos verwertet,
was das Kotproblem löst.
- Und natürlich habe ich
mich verpflichtet, zweimal wöchentlich mit meinem
Hund zu einem Erziehungskurs zu gehen, den Hund immer
an kurzer Leine zu führen und nur morgens zwischen
vier und sechs und abends zwischen 23 und 24 Uhr mit
ihm raus zu gehen und ihn an Wochenenden in der Wohnung
zu lassen.
- Mein IQ ist auch kein Problem:
Ich bin nicht dumm, aber auch nicht so klug, dass
man Aufmüpfigkeit befürchtet.
- Und ich habe schließlich
auch unterschrieben,
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dass ich die Fernzündung
auslöse und ihn sprenge, wenn er trotz aller
Vorsicht außer Kontrolle gerät. |
Nun endlich kann also
mein Traum in Erfüllung gehen.
Ich werde den Kleinen Servus nennen. Wahrscheinlich
kann ich ihn schon am Wochenende abholen. Bis dahin
hat er sich hoffentlich von der OP der Stimmbänder
erholt. Nachdem man herausgefunden hat, dass ein plötzliches
Bellen Menschen so erschrecken kann, dass sie in Panik
vor ein Auto laufen, muss das Bellen von Anfang an zuverlässig
verhindert werden. Außerdem wurde ihm wie jedem
Hund ein Mini-Empfänger und eine kleine Sprengladung
ins Gehirn implantiert. Damit muss ich ihn im Notfall
sprengen ...
Zum Glück müssen meinem Servus die Fangzähne
nicht gekappt werden. Er ist nämlich genmanipuliert:
Er hat gar keine Zähne mehr. Ich hoffe, dass ich
deshalb die Ausnahmegenehmigung bekomme, ihn zu Hause
ohne Maulkorb laufen zu lassen. Drück mir die Daumen,
dass ihm nicht vielleicht doch noch Zähne wachsen,
denn das müsste ich sofort melden.!
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In deinen alten Fotoalben habe ich
gesehen, wie ihr, du und Oma und Mama mit Hunden
gelebt habt. Die sind ja sogar noch frei rumgelaufen!
Und sie haben mit kleinen Kindern gespielt. Ich
kann das gar nicht glauben. Mir kommt das vor wie
ein Märchen ... |
Uromi, ob dein Wunsch in Erfüllung gegangen ist
und du im Himmel auch deine Hunde wieder getroffen hast?
Ob Sie dir womöglich sogar ganz ohne Leine und
Maulkorb entgegen gelaufen kamen, als du oben ankamst?
Irre ich mich, wenn es mir plötzlich so vorkommt,
als ob du mit einem Schmunzeln sagst: „ Kleines,
hier oben sind eben himmlische Zustände!“
Drück mir die Daumen, dass es gut wird mit meinem
Wunschhund.
Deine Moni
/ von
Brigitte Stöber-Harries |