Befinden
sich unsere Hunde im vormenschlichen Stadium ?
"Sicher sollen wir die Hunde nicht vermenschlichen
könnte man argumentieren, unsere Hunde sind quasi
wie Gehegewölfe, die nicht das weite suchen können."
Seine Beobachtungsbasis ist unsere Familie, sein Biotop
ist unser Heim.
Hier erschuf er sich nach menschlichem Bild und hat
dabei, fast unvermeidlich, findet Vilmos Csányi,
ein Sozialverhalten entwickelt, das sich jenem von Herrchen
und Frauchen immer mehr angeglichen hat.
Professor Vilmos Csányi:"Seit
Jahrtausenden hat der Hund hinter den menschlichen Linien
operiert und unsere Verhaltenscodes geknackt.Ich wage
zu behaupten, sagt der Forscher, dass sich der Hund
gegenwärtig in einem vormenschlichen Stadium befindet."
Fähig zur Anpassung
Während etwa Schimpansengruppen sich bis heute
in Machtkämpfen verzetteln, habe der Hund schon
die Fähigkeit zur Unterordnung, zum Triebaufschub
und zur Arbeitsteilung erworben. Er könne sogar,
sagt Csányi, Befehlsstrukturen variieren und
den Grad seines Gehorsams der Aufgabe anpassen.
Empfindung für das
Wohl der Gruppe
In menschlicher Gesellschaft habe der Hund, glaubt der
Wissenschaftsessayist Stephen Budiansky, aus der wölfisch-hierarchischen
Rudelwelt zu einer beinahe "demokratischen Ordnung"
gefunden. Kein anderes Tier sei zudem fähig zur
Empathie, zur Identifikation mit den Sorgen und Freuden
anderer, sagt Vilmos Csányi - einem Zug, der
in freier Wildbahn eher schädlich wäre: "Primaten
konkurrieren um Futter, Lagerplätze, Weibchen.
Gruppensolidarität kennen sie nur, wenn es um Blutsverwandte
geht." Hunde und Menschen jedoch behalten, über
jeden "Egoismus der Gene" hinweg, das Wohl
ihrer Gruppe im Auge - einer Gruppe, die nicht aus der
eigenen Familie bestehen muss, ja nicht einmal aus der
eigenen Spezies.
"Ein künstliches
Wesen"
"Der
Hund", sagt Csányi, "ist eben kein
gewöhnliches Tier mehr, sondern ein künstliches
Wesen."
Eines, das seine Beziehung zum Menschen nicht als die
eines Rudelmitglieds zum Leittier betrachte, wie viele
Forscher bislang vermuteten - sondern als die eines
Kindes zu seinen Eltern.
In Momenten der Furcht, der Einsamkeit und des Abschieds
vom menschlichen Partner - Situationen, die Csányis
Leute im Labor nachstellten - verhielten sich auch erwachsene
Tiere wie verlassene Babys.
Neugieriges Schlingern
Das sichere Futter aus Menschenhand hat dem Hund erlaubt,
Ernst und Effizienz des Jägers zu vernachlässigen.
Das tägliche Tollen mit Menschen, glaubt der Biologe
Marc Bekoff von der University of Colorado in Boulder,
habe so im Lauf der Evolution das Repertoire des Hundes
bereichert: Bei Versuchen in seinem Labor stellte er
an Hundewelpen ein weit abwechslungsreicheres Spielverhalten
fest als an jungen Wölfen. Und im Gegensatz zum
Wolf behält der Hund den Spieltrieb auch im Alter
bei, bleibt neugierig, lernfähig und ohne Angst
vor anderen Arten. Die Spuren erwachsener Wölfe
im Schnee sind gerade und zielgerichtet - Hunde aber
tapsen im Zickzack durchs winterliche Gelände,
schnörkeln und schlingern ohne Leistungsdruck durch
die Welt.
Abstraktion abgeschaut
Das könnte bedeuten: Im Spiel hat der Hund uns
auch die Abstraktion abgeschaut. Nur Hunde und Menschen
seien in der Lage, Regeln und Rituale zu verstehen und
sich nach ihnen zu richten, sagt Vilmos Csányi.
Bei einem Test, in dem es galt, hinter Paravents verborgene
Bälle zu finden, durchstöberten die vierbeinigen
Prüflinge gehorsam Versteck um Versteck. Und selbst
als der Versuchsleiter schließlich den Ball vor
ihren Augen in seine Tasche steckte, suchten sie noch
einmal hinter den Sichtblenden: Sie glaubten, das verlange
die Regel. Wirklich verblüfft aber waren die Forscher,
als sie den Versuch mit Kindern und Studenten wiederholten.
80 Prozent der Kinder und die Hälfte der Studenten
vertrauten nämlich ebenfalls dem Ritual mehr als
dem Augenschein.
Primitives Kommunikationssystem
Die hündische Liebe zur Regel, hofft Csányi,
könnte das Tier eventuell zum Dialog mit dem Menschen
befähigen: "Der Hund setzt Handlungsmuster
ein, um sich zu verständigen. 20 bis 30 solcher
Rituale könnten ein primitives Kommunikationssystem
bilden." Bereits jetzt, das ermittelte Csányis
Team bei einer Umfrage unter Hundehaltern, verstehen
Hunde durchschnittlich 30 Wörter der menschlichen
Sprache.
Verständigungsprobleme
mit anderen Tieren
Schon hat Canis lupus familiaris die Bande zu seinen
tierischen Artgenossen gekappt. Während der Wolf
noch mit rund 60 verschiedenen Gesichtsausdrücken
kommuniziert, steht seinem zahmen Nachfahr nur noch
ein Bruchteil des Caniden-Repertoires zur Verfügung:
Die Versuche der Kieler Verhaltensforscherin Dorit Feddersen-Petersen,
Rudel aus Pudeln oder Retrievern zu bilden, scheiterten,
so die Wissenschaftlerin, hauptsächlich an deren
mimischer Sprachlosigkeit. Aber auch ihre Vokalisation,
das Bellen, stiftete eher Verwirrung. Zum Gedankenaustausch
hält sich der Hund lieber an den Menschen.
Hund bellt "Hunger"
Das Gekläff, glaubt Vilmos Csányi, sei nichts
anderes als der Versuch, menschliche Worte zu imitieren.
"Ihr soziales Verständnis ist so scharf und
komplex", sagt er, "dass es ihnen leicht fallen
müsste, eine einfache Sprache zu erwerben."
Während der Wolf nur spärlich und eintönig
belle, sei "die Vokalisation des Hundes so variabel,
dass sie die Grundlage für ein sprachähnliches
System werden könnte", vermutet Csányis
Mitarbeiter Péter Pongrácz. Bereits 1936
berichtete der Tierpsychologe Johan Bierens de Haan
von einem Hund, der so etwas wie "Hunger"
gebellt haben soll.
Komplexes linguistisches
System
Mittlerweile hat die kalifornische Wissenschaftlerin
Sophia Yin Spektogramme von über 4.600 hündischen
Lautäußerungen analysiert, die sie mit 80-prozentiger
Trefferquote bestimmten Situationen zuordnen konnte:
das hohe, vereinzelte Bellen etwa, wenn Herrchen außer
Sicht ist; das harsche, tiefe Bellen beim Ertönen
der Türklingel. "Rund zweihundert Vokabeln
sind nötig, um ein primitives linguistisches System
zu entwickeln", sagt Csányi voller Zuversicht.
"Affen und Papageien haben es bislang nur auf etwa
150 gebracht."
Und so könnte das bewährte Joint Venture zwischen
Mensch und Hund eines Tages nicht mehr nur eine Frage
des Verhaltens sein. Sondern eine Sache der Verhandlung.
/ Csányis/rk
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